Florfliegen - Gäste, die für ihr Winterquartier zahlen

Von Dr.Ludwig Erbeling

Ab September - und gerade im Oktober besonders gut zu beobachten - sucht einer unserer besten Blattlausvertilger ein Überwinterungsquartier: die Florfliege. Aufgrund ihrer metallisch glänzenden Augen wird sie auch „Goldauge“ genannt. Florfliegen und ihre Larven fressen vor allem Blattläuse. Die bis zu 30 mm großen Florfliegen sind besonders abends aktiv und fliegen im Sommer und Herbst oft massenhaft an erleuchteten Fenstern an.

 

 

Florfliegen sind keine Fliegen!

 

Der Name Flor„fliege“ ist irreführend, denn es handelt sich nicht um Fliegen, sondern um sogenannte Netzflügler - recht urtümliche Fluginsekten. Netzflügler besitzen vier Flügel mit vielen Queradern. Weltweit sind insgesamt mehr als 6000 Arten bekannt, von denen etwa 300 auch in Europa vorkommen. Die bekannteste Art ist vielleicht der Ameisenlöwe, die Larve der Ameisenjungfer. Am Boden eines in lockerem Boden gegrabenen Trichters sitzend lauert der Ameisenlöwe auf Beute. Insekten - speziell Ameisen - rutschen an den Trichterseiten nach unten, wobei der Ameisenlöwe durch Sandwerfen nachhilft.

 

Unsere Florfliegen sind leicht erkennbar an den großen, blaugrünen, fast durchsichtigen, opalisierenden Flügeln, die in Ruhe dachartig über den Körper gelegt werden. Ihr Leib ist etwa 8 mm lang, ihre Flügelspannweite beträgt bis zu 30 mm. Auffällig sind auch die langen, dünnen Fühler.


 

In Ruhe sind die Flügel dachartig über dem Körper zusammengeklappt. Auffällig sind die langen, dünnen Fühler. Durch die durchsichtigen, blaugrünen Flügel ist der Hinterleib zu erkennen.

 

 

Florfliegen gehören zu den Netzflüglern: ihre vier großen Flügel weisen eine reiche, netzartige Flügeladerung auf. Sie können übrigens besonders gut fliegen.

 

Florfliegen überwintern zum einen in Wäldern oder Gärten in Ritzen von Rinde, in Laub oder in hohlen Stengeln zum anderen in Scheunen, Kellern, Fluren oder auf Dachböden, wo es nicht zu warm ist. Während dieser Ruhepause verändern die Florfliegen ihre Farbe von grün nach braunrot. Dies ist dadurch zu erklären, daß sich durch die Verringerung des Stoffwechsels unter niedrigen Temperaturen rötliche Farbstoffe ansammeln. Werden die Tiere im Frühjahr wieder aktiv, erlangen sie auch ihre grüne Farbe wieder.


Florfliegen verändern in der Winterruhe ihre Farbe.


Im Frühjahr beginnen die Weibchen mit der Eiablage. Ein Weibchen kann bis zu 600 Eier legen. Dabei drückt es seinen Hinterleib auf ein Blatt - meist auf die Blattunterseite. Beim langsamen Anheben des Leibes wird ein weißer, schnell erhärtender, biegsamer Faden erzeugt, dem in 5-6 mm Höhe ein Ei aufgesetzt wird - ein ziemlicher Aufwand! Der adaptive Wert dieses Verhaltens liegt darin, daß so verhindert werden soll, daß frischgeschlüpfte Larven benachbarte Eier fressen. Die in Gruppen bis 100 abgelegten Eier ähneln dem Fruchtkörper von Pilzen. Es wurde sogar eine eigene Pilzart mit wissenschaftlichem Namen aufgrund dieses vermeintlichen Fruchtkörpers beschrieben!


Meist auf der Blattunterseite werden die Eier einzeln oder in Gruppen in 5-6 mm Höhe auf dünne Stiele gesetzt.


Blattlauslöwen: 500 Blattläuse in nur zwei Wochen!

 

 

Nur 10 bis 24 Tage benötigen Florfliegenlarven bis zu ihrer Verpuppung. Dabei ernähren sie sich überwiegend von Blattläusen, aber auch von Fliegen- und Milbeneiern sowie den Larven von Blattwespen, Blattkäfern oder Schmetterlingen. Mit Saugzangen am Kopf werden Beutetiere ergriffen und ausgesaugt. In 10 Minuten kann eine Larve fünf bis sechs Blattläuse fressen, während ihrer gesamten Entwicklung schafft sie bis zu 500. Im Volksmund werden die Larven daher auch „Blattlauslöwen“ genannt. Die Larven leben allerdings sehr versteckt, so daß sie den meisten Lesern sicher noch nie aufgefallen sind. Zudem tarnen sie sich, in dem sie ihren Hinterleib mit leeren Blattlaushüllen, Moos- oder Rindenstückchen bedecken. Das Tarnmaterial wird mit den Kiefern auf den Rücken gelegt, wo es zwischen den hakenförmig gebogenen Borsten hängenbleibt.

 

Meist gibt es zwei Florfliegengenerationen pro Jahr, die Imagines der zweiten Generation überwintern. Die ausgewachsenen Tiere leben in Wäldern, Feldern und Gärten und fliegen oft zum Licht. Sie ernähren sich ebenfalls von Blattläusen aber auch von deren Honigtau.


 

Die Larven der Florfliegen werden auch Blattlauslöwen genannt. Mit ihren spitzen Zangen saugen sie ihre Beute aus.

 

 

 

 

Zur Tarnung bedecken die Larven ihren Hinterleib mit leeren Blattlaushüllen, Moos- oder Rindenstückchen.

 

Zeichnungen: Dr. Erbeling

 


Florfliegen: Schädlingsbekämpfung ohne chemische Keule

 

 

Die Florfliege ist ein ausgezeichnetes Beispiel für biologische Schädlingsbekämpfung ganz ohne Giftspritze. In diesem Fall wird  der Nützling vermehrt. Im Handel erhältlich sind Florfliegeneier oder -larven, die in Massen gezüchtet werden. In blattlausbefallenen Gewächshauskulturen (z.B. Tomate, Gurke, Aubergine oder Paprika) aber auch an Zimmerpflanzen werden sie dann ausgesetzt. Bei einem Verhältnis von Räuber zu Beute von etwa 1:10 können die Schädlinge komplett vernichtet werden. Aufgrund der schnellen Larvalentwicklung muß man die Behandlung jedoch meist mehrfach wiederholen.

 

Um im Garten eine Erhöhung der Überlebensrate von Florfliegen zu erreichen, wird in einer Broschüre des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) sogar der Bau von Florfliegenhäuschen empfohlen. Bei diesen Überwinterungsquartieren handelt es sich um Kästen aus Preßholz mit einer Kantenlänge von 25-35 cm, die mit Einflugschlitzen versehen und mit Weizenstroh gefüllt sind.

 

Wie bei Spinnen so gilt natürlich auch hier: wer Florfliegen absolut nicht als Untermieter im Winter dulden möchte, sollte sie vorsichtig nach draußen befördern, damit sie sich ein anderes Winterquartier suchen können.