Heuschrecken sind nützliche Jäger von PFlanzenfressern

Von Dr.Ludwig Erbeling

 

Zum Herbst hin beenden viele Insekten ihr kurzes Dasein als ausgewachsene Tiere, das bei den meisten Arten nur einem einzigen Zweck dient: der Fortpflanzung! Am Beispiel der Eichenschrecke soll aufgezeigt werden, daß Heuschrecken - entgegen der landläufigen Meinung - keine gefräßigen Schädlinge sind, sondern vielfach als Jäger von Pflanzenfressern nützlich sind.

Eine heimlich lebende, in den Kronen der Eichen gut getarnte und versteckte Art ist unsere Eichenschrecke. Hat man jedoch einmal ein Tier entdeckt, das sich vielleicht abends ans Licht verirrt hat, kann man sich seiner Faszination kaum entziehen. Bis zu 15mm groß werden die zierlichen, hellgrünen Heuschrecken. Nur Fühler, Beine und ein Längsstreifen auf dem Halsschild sind gelblich. Auffallend sind die extrem langen Fühler, die das vierfache der Körperlänge erreichen können! Dementsprechend brechen sie allerdings auch leicht ab.

 

Weltmeister im Weitsprung

 

Das auffallendste Merkmal der Heuschrecken ist ihr Sprungvermögen. Obwohl die meisten Arten aufgrund ihrer Färbung ausgesprochen gut getarnt sind, müssen sie sich doch vor Feinden - speziell Vögeln, Spinnen, Laufkäfern oder Raupenfliegen - in Sicherheit bringen. Die extrem langen Hinterbeine der Eichenschrecken eignen sich ausgezeichnet zum Springen, eine Kunst, die die meisten Arten mit verdickten Hinterschenkeln hervorragend beherrschen. Einige können bis zu 70cm weit springen!

 

Zur Eiablage zwängen die Weibchen ihre neun Millimeter lange, säbelförmige Legeröhre in enge Rindenspalten von Eichen und bohren ihre Eier mit dem Legestachel in die Rinde ein. Oft bleiben die erschöpften Tiere in der Rinde stecken und verenden. Die Legeröhre ist übrigens - wie der Hinterleib bei den Libellen - zum Stechen völlig ungeeignet!


 

Entwicklungszyklus einer Laubheuschrecke: Ohne Puppenstadium entwickelt sich die Larve nach mehreren Häutungen, durch die sie dem erwachsenen Tier immer ähnlicher wird, zum Vollinsekt.

 


Im Frühling schlüpfen aus den Eiern kleine Larven, die in die Baumwipfel der Eichen klettern. Sie ähneln bereits ihren Eltern, haben aber noch keine Flügel und Geschlechtsorgane. Nach mehreren Häutungen, mit denen sie der elterlichen Gestalt immer näher kommen, erreichen sie mit der letzten Häutung im Spätsommer das fortpflanzungsfähige Adultstadium. Diese Art der Verwandlung - ohne ein Puppenstadium wie beispielsweise bei Schmetterlingen, Käfern oder Fliegen - bezeichnet man als unvollständige Verwandlung. Erst ab August trifft man daher ausgewachsene Tiere an, die bis in den November leben können. Eichenschrecken ernähren sich vor allem von kleinen Insekten wie Blattläusen, Raupen oder Fliegen.

Man unterscheidet bei den heimischen Heuschrecken allgemein zwei große Gruppen: die Laubheuschrecken, die sich durch lange Fühler auszeichnen und vor allem räuberisch leben, und die Feldheuschrecken mit kurzen, borstenförmigen Fühlern, die sich überwiegend pflanzlich ernähren. Sie sind meist tagaktiv, während die meisten Laubheuschrecken wie die Eichenschrecke rein nachtaktiv sind und den Tag verborgen an der Unterseite von Blättern verbringen.

 

Zirpt das Heimchen in der Nacht, bist du um den Schlaf gebracht

 

Die Feldheuschrecken zirpen, in dem sie die Hinterbeine gegen die Vorderflügel reiben. Eine der Flächen trägt eine Leiste, die andere Zähnchen. Fährt man mit dem Fingernagel über einen Kamm, erzeugt man auf gleiche Weise Töne. Der Ton ist abhängig von Zähnchenzahl und Bewegungsgeschwindigkeit. Da jede Art einen artspezifischen Gesang besitzt, kann man die Tiere durch Hören bestimmen. Heuschreckenspezialisten müssen viele Arten also zum Nachweis überhaupt nicht fangen - nur hören.

 

Langfühlerschrecken erzeugen Töne, in dem sie die Vorderflügel übereinander reiben. Die weiblichen Tiere nehmen diese Schwingungen mit einem Trommelfell wahr, dass sich am Unterschenkel der Vorderbeine befindet.


 

Bei den Laubheuschrecken wird die Schrilleiste (2) auf der Unterseite des linken Flügels über die Schrillkante (1) auf der Oberseite des rechten Flügels bewegt. Mit einem Trommelfell am Unterschenkel der Vorderbeine (3) werden die Schwingungen wahrgenommen.

 

 

Zeichnungen: Dr. Erbeling


Weibchen werden herangetrommelt

 

Eichenschrecken können allerdings nicht zirpen, ihre Zirporgane sind verkümmert. Trotzdem sind die Männchen in der Lage, die Aufmerksamkeit ihrer Weibchen zu erregen. Dazu trommeln sie mit den Hinterbeinen auf ein Blatt und erzeugen so einen charakteristischen, immerhin einen Meter weit hörbaren Ton, der die Weibchen anlockt. Dabei wechseln sich je ein bis drei kürzere und längere Signale ab: z.B. tr-tr-tr-trrr-trrr-trrr.

 

Bioindikatoren: gefährdet und geschützt

 

Viele Heuschreckenarten sind perfekte Umweltindikatoren: sie lassen direkte Rückschlüsse auf die Qualität ihres Lebensraumes zu und liefern daher wertvolle Argumentationshilfen bei der Erfassung und Unterschutzstellung ihrer Lebensräume. Da viele Arten direkt auf Umweltveränderungen reagieren, sind Heuschrecken eine der am stärksten bedrohten Tiergruppen. Von 51 in NRW nachgewiesenen Arten  gelten zwei als ausgestorben, fünf als vom Aussterben bedroht, vierzehn als stark gefährdet und zehn als gefährdet. 60% der Arten sind also gefährdet. Der früher oft hemmungslose Einsatz von „Pflanzenschutzmitteln“ in der Landwirtschaft sowie die rücksichtslose Zerstörung natürlicher und naturnaher Landschaften durch Bauvorhaben - siehe Siesel - haben zum Rückgang und zum Aussterben vieler Arten geführt.

 

Des Teufels lebende Teppiche

 

Da sagte der Herr zu Mose: „ Strecke deine Hand aus über Ägypten, um die Heuschrecken herbeizurufen. Sie sollen das Grün, das der Hagel übriggelassen hat, bis auf den letzten Rest auffressen.“ - So steht es im Alten Testament: und sie ließen nichts Grünes übrig! In weiten Gebieten Afrikas, Arabiens und Asiens stellen Wanderheuschrecken den Schädling Nummer 1 dar. Schwärme bestehen aus durchschnittlich 50 Millionen Tieren! Eine Schrecke benötigt pro Tag ihr eigenes Körpergewicht (10 Gramm) an Nahrung. Ein Schwarm kann so viele Hundert Tonnen an einem Tag vernichten - die ganze Ernte einer Region. In Mitteleuropa kommt die Wanderheuschrecke hauptsächlich im Mittelmeerraum vor. Der letzte Schwarm wurde 1932 im Donauraum beobachtet. Sollte sich das Klima nicht deutlich erwärmen, brauchen wir in Europa nicht mit Plagen zu rechnen...

Bei uns sind Heuschrecken allerdings eher nützlich. Laubheuschrecken ernähren sich überwiegend von tierischer Kost und fressen wenn dann weiche, saftige Pflanzen wie Löwenzahn, Klee oder Vogelmiere. Die pflanzenfressenden Feldheuschrecken ernähren sich fast ausschließlich von verschiedenen Gräsern.