Libellen: Teufelsnadeln oder Fliegende Edelsteine?

Von Dr. Ludwig Erbeling

 

An den brillanten Farben und den akrobatischen Flugkünsten der Libellen hat sich vermutlich jeder schon erfreut. Im Volksmund existieren jedoch auch Bezeichnungen wie Teufelsnadel, Teufelsbolz, Giftspritzer oder Augenstößer, und ganze Schulklassen werden beim Baden vor diesen „gefährlichen Stechern“ gewarnt. Ein schier unausrottbarer Irrglaube: Libellen sind für den Menschen wirklich absolut harmlos. Sie können überhaupt nicht stechen! Größere Libellen können allerdings bei Störung mit ihren Kiefern kräftig zubeißen. Aber wer diese geschützten Tiere fängt, hat nichts besseres verdient. Mit der Vorstellung der Blaugrünen Mosaikjungfer sollen die Vorurteile gegenüber dieser Insektengruppe ausgeräumt werden.

 

Insekten der Superlative

 

Libellen waren - lange vor den Flugsauriern - vor 200 Millionen Jahren die ersten Tiere auf Erden, die fliegen konnten. Bis zu einem Meter betrug die Flügelspannweite der größten Libellen zu Zeiten der Dinosaurier. Auch heute wird ihre maximale Körperlänge von 15 cm unter den Insekten nur von Stabheuschrecken, ihre maximale Flügelspannweite von 18 cm nur von wenigen Schmetterlingen übertroffen. Ihre Komplexaugen bestehen aus über 30.000 Einzelaugen (Ommatidien) und ermöglichen den gewandten Jägern einen komfortablen Rundumblick. Mit über 50 km/h gehören sie den schnellsten Fliegern im Insektenreich und sind die perfektesten Flugkünstler: Jagen, Fressen, Balzen, Kopulieren, Eiablage - alles findet im Flug statt.

 

Die Blaugrüne Mosaikjungfer - unsere auffälligste Libelle

 

Die Blaugrüne Mosaikjungfer gehört zur Gruppe der Großlibellen, die mittelgroße bis große Arten mit ungleich geformten Vorder- und Hinterflügeln umfaßt. Die sieben bis acht Zentimeter große Art ist besonders auffällig und leicht zu erkennen. Bei beiden Geschlechtern weist die Brust breite grüne Streifen auf. Der Hinterleib ist bei den Weibchen vollständig schwarz-grün gefleckt, bei den Männchen sind die letzten drei Hinterleibsabschnitte schwarz-blau, die übrigen schwarz-grün gefleckt  mit blauen Seitenstreifen. Ab Juni schlüpft die Blaugrüne Mosaikjungfer und kann bei günstigen Wetterlagen bis Oktober/November beobachtet werden. Spätestens mit den ersten Herbstfrösten sterben Libellen. Die Blaugrüne Mosaikjungfer ist unsere anspruchsloseste Großlibelle und an jedem Gartenteich zu finden.

 

Libellen: aus dem Wasser in die Luft

 

Ein warmer Sommermorgen: an einem Pflanzenstengel kriecht eine Libellenlarve aus dem Wasser heraus und klammert sich fest. Nach kurzer Zeit reißt die Haut auf und die Libelle zwängt ihren Körper aus der Larvenhülle (Abb. 1). Sind Flügel und Gliedmaßen nach zwei bis drei Stunden (an kühlen Tagen auch erst nach zehn Stunden) erhärtet, kann sie zum Jungfernflug starten. Zurück bleibt die alte Larvenhülle oder Exuvie. Sie erinnert an ein bei einigen Arten bis zu fünfjähriges Wasserleben, dem jetzt ein meist nur einige Wochen dauerndes Leben als fliegendes Juwel folgt.


Abbildung 1: Lebenszyklus der Libellen. 1) Paarungsrad: Das Männchen (oben) hält das Weibchen mit seinen Hinterleibszangen am Kopf fest, das Weibchen hat seinen Hinterleib umgebogen, um die Spermien aus dem Kopulationsorgan des Männchens am Anfang des Hinterleibes zu entnehmen. 2) Eiablage, 3) Ei, 4) junge Larve, 5) ausgewachsene Larve mit erbeuteter Kaulquappe, 6) Die Rückenhaut der Larve ist aufgeplatzt, mit Beinen und Flügeln hat sich die Libelle schon aus der Hülle herausgearbeitet.


Bei der Paarung, die meist im Flug erfolgt, ergreift das Männchen nach kurzer Balz das Weibchen mit artspezifischen Hinterleibsanhängen am Kopf. Als Paarungskette fliegen sie so einige Zeit in Tandemformation dahin. Dabei füllt das Männchen durch Krümmung des Hinterleibs sein sekundäres Kopulationsorgan am zweiten oder dritten Hinterleibssegment mit Sperma. Nun biegt das Weibchen sein Hinterleibsende nach vorn und preßt es gegen das männliche Begattungsorgan, um die Spermien zu übernehmen. Dabei fliegen die Tiere als Paarungsrad umher (Abb. 1), bis die Befruchtung, die bis zu mehreren Stunden dauern kann, vollzogen ist. Die Weibchen vieler Arten paaren sich mehrfach am Tage mit verschiedenen Partnern. Das gerade aktuelle Männchen entfernt dabei das Sperma seines Vorgängers aus dem weiblichen Genitaltrakt, um seinen eigenen Fortpflanzungserfolg sicherzustellen.

 

Die Eier - je nach Art einige Hundert bis mehrere Tausend - werden entweder im Flug direkt ins Wasser abgeworfen oder das Weibchen bohrt mit seiner Legeröhre Pflanzenstengel an (Abb. 1) - zum Stechen ist die Legeröhre völlig ungeeignet! Nach einigen Wochen oder erst im nächsten Frühjahr schlüpft eine kleine Larve aus dem Ei, die sich bis zur ausgewachsenen Larve 9-15 Mal häuten muß, da das Außenskelett der Insekten nicht mitwächst. Die Larven der Großlibellen nehmen den Sauerstoff zum einen direkt über die Haut auf. Zudem ist der erweiterte Enddarm mit Kiemenblättchen besetzt, die durch regelmäßiges Einsaugen und Ausstoßen mit sauerstoffreichem Wasser versorgt werden. Libellenlarven müssen also nicht, wie etwa die Larven des Gelbrandkäfers oder wie Wasserwanzen oder -käfer, regelmäßig zum Atmen an die Wasseroberfläche kommen.

 

In Abhängigkeit von ihrer eigenen Körpergröße fressen sie unterschiedlichste Wassertiere: Würmer, Kleinkrebse, Insektenlarven (auch der eigenen Art), andere Wasserinsekten. Ausgewachsenen Großlibellenlarven jagen sogar Kaulquappen, Molchslarven oder kleine Fische. Zum Beutefang dient die sogenannte Fangmaske (Abb. 2), die stark verbreiterte und verlängerte Unterlippe, die wie eine Greifzange plötzlich nach vorne schnellt.


Abbildung 2: Seitliche Ansicht des Larvenkopfes. Im Bild rechts ist die Fangmaske herausgeschleudert. Die zweiteilige Unterlippe hat kräftige Greifklauen.

 


Bei der Jagd lauern die versteckt lebenden Jäger ihrer Beute aus dem Hinterhalt auf oder pirschen sich langsam heran. Als Feinde der Larven kommen Wasservögel, Amphibien, größere Larven und Fische in Frage. In Teichen mit starkem Fischbesatz entwickeln sich daher kaum Libellen. Ohne Puppenstadium verläßt das letzte Larvenstadium das Wasser, um sich zum Vollinsekt zu häuten.

 

Tierische Hubschrauber

 

Libellen ernähren sich von kleineren Insekten wie Mücken, Fliegen, Kleinschmetterlingen, die sie im Flug erjagen. Mit ihren bedornten Beinen bilden sie eine Art Fangkorb, in dem es für die Beute kein Entrinnen gibt. Noch im Flug werden die ungenießbaren Teile wie Beine oder Kopf mit den scharfen Kiefern abgetrennt. Im Flug oder an speziellen Rastplätzen wird dann gefressen.

 

Dazu gehört natürliche eine ganz besondere Flugkunst. Mit bis zu 40 Flügelschlägen pro Minute werden über 50 km/h erreicht. Libellen können auf der Stelle fliegen um dann plötzlich pfeilschnell davonzuschießen. Auch Rückwärts-, Links- und Rechtsflug beherrschen sie perfekt. Eine Richtungsänderung entsteht durch nur zwei bis drei Flügelschläge. 80 Muskeln arbeiten bei der Bewegung der paarweise angeordneten, aber unabhängig voneinander beweglichen Flügel, von denen jeder nur ein Hundertstel Gramm wiegt, zusammen.

 

Fliegende Libellen haben kaum Feinde. Als Freßfeinde kommen Vögel, Frösche und Spinnen in Frage, für Kleinlibellen auch Großlibellen.

 

Libellen sind streng geschützt

 

Von den etwa 80 in Deutschland vorkommenden Libellenarten sind 53 in der Roten Liste der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten aufgeführt und sind demnach gefährdet oder vom Aussterben bedroht. In der Bundesartenschutzverordnung schießt man etwas über das Ziel hinaus und stellt gleich alle Libellen unter Schutz - auch die überall häufigen, in jedem Gartenteich zu findenden Arten. Fang, Verletzen, Töten von Libellen sind streng verboten. Auch Eier und Larven dürfen nicht gefangen werden, Zucht ist also ebenfalls verboten.

 

Arten kann man jedoch nur in den seltensten Fällen schützen - schützen muß man ihren Lebensraum, ihren Biotop! Libellenlarven und -imagines sind an Gewässer gebunden, die immer noch oft rücksichtslos verändert oder beseitigt werden. In einigen Bereichen Deutschlands ist die Zahl der Kleingewässer in den letzten 20 Jahren um bis zu 80% zurückgegangen. Dabei werden Teiche sehr schnell von Libellen besiedelt: der vor zwei Jahren wieder neu angelegten Schulteich am Gymnasium (Anm.: Plettenberg) bietet schon sechs verschiedenen Libellenarten Lebensraum! Flußbegradigung, Gewässerverschmutzung, Nährstoffanreicherung, Fischbesatz und zunehmende Bevölkerungsdichte sind weitere Gründe für den Artenrückgang bei den Libellen. Gefährdet sind ganz speziell die Arten mit besonderen Umweltansprüchen: die Arten der Moore, der Quellen, der naturnahen Fließgewässer. Libellenschutz bedeutet also Erhaltung von naturnahen Gewässern, Reduzierung der Wasserverschmutzung und Neuanlage von Kleingewässern.

 

Wer sich für Libellen interessiert, muß sie jedoch nicht fangen. Die meisten lassen sich beim Beobachten mit etwas Übung bestimmen. Auch Fotografieren ist eine Möglichkeit, sich mit diesen Tieren zu beschäftigen. Ihre Bestimmung ist völlig ohne Störung auch zweifelsfrei anhand der Larvenhüllen, der Exuvien, möglich.