Schnee-Insekten sind im Winter noch bis -10 °C aktiv

Von Dr. Ludwig Erbeling 

 

Nachdem wir nun endlich richtigen Winter sprich Schnee und niedrige Temperaturen haben, können Tiere unter die Lupe genommen werden, die im Winter als erwachsene Insekten teilweise sogar auf der Schneeoberfläche aktiv sind. Sie haben die Hauptphase ihres Lebens als Imagines, die Fortpflanzungsperiode, in den Winter verlegt. Einige Arten aus verschiedenen Gruppen werden aufgrund ihrer Lebensweise als Schnee-Insekten bezeichnet. Nur unter niedrigen Temperaturverhältnissen vermögen sie zu leben, zu Zeiten also, zu denen fast alle wechselwarmen Tiere in Kältestarre verfallen sind oder die ungünstige Jahreszeit in Ruhestadien überdauern. 

 

Großräumige Ausweichbewegungen, wie etwa bei Zugvögeln, die den Winter in südlichen Gefilden verbringen, finden sich bei niederen Tieren nur selten. Einige Wanderfalter wie Admiral oder Distelfalter kommen jedoch regelmäßig aus Südeuropa im Frühjahr zu uns. Man erkennt die Vielflieger an den meist stark abgeflogenen oder sogar beschädigten Flügeln. Sie vermehren sich hier, die neue Generation fliegt im Herbst in den Süden zurück. Seltener kommen Totenkopf- oder Windenschwärmer bis in unsere Regionen, den Winter können sie hier allerdings als Puppe nicht überstehen. 

 

Insekten mit eingebautem Frostschutz 

 

Bei den bisher unter die Lupe genommenen Tieren haben wir schon die wichtigsten Überwinterungsstrategien kennengelernt. Einige Arten überwintern als Ei (Frostspanner), ursprüngliche Insektengruppen teilweise als Larven im Wasser (Libellen wie die Mosaikjungfer), andere als Puppen (Schmetterlinge oder Käfer). Wieder andere suchen sich günstige mikroklimatische Bedingungen, wo sie als Vollinsekten geschützt in Mulm von Baumstümpfen, im Boden in Bodenstreu oder unter Laubschichten in Kältestarre verfallen (Wasserläufer, Marienkäfer). Gerade deshalb sollte man das Laub im Garten möglichst liegen lassen! Einige Arten überwintern auch in Kellern oder auf Dachböden wie Stechmücke, Florfliege oder Tagpfauenauge. Bei einigen Blattläusen überwintert das besamte Winterei. Aus ihm schlüpft im zeitigen Frühjahr die Stammmutter all unserer Blattlausplagen.

 


An dem schnabelförmig vorgezogenen Kopf ist der 3 bis 4 mm große Winterhaft zu erkennen. Er kann auf Schnee beobachtet werden. Der Name Gletscherfloh rührt von seiner Fähigkeit, bis zu 15 cm weite Sprünge auszuführen.                           

 

Skizze: Dr. Erbeling

 


Schneeflöhe hüpfen über den Schnee 

 

Frei hängende Schmetterlingspuppen können im Winter durchaus Temperaturen von bis zu  -20 Grad C ausgesetzt sein. Die Hämolymphe, die Körperflüssigkeit der Insekten, enthält bei vielen frei überwinternden Arten bis zu 20% Glyzerin, das wie Glykol im Autokühler als Frostschutzmittel dient. Zudem wird der Darm vor dem Winter entleert und Veränderungen in der Hämolymphzusammensetzung sind nötig. Wasser gefriert nur, wenn es winzige Teilchen, so genannte Kristallisationskerne enthält, um die herum sich Eis bilden kann. Dies wird in der glyzerinhaltigen, dickflüssigen Körperflüssigkeit verhindert. 

 

Der Winterhaft, auch Schneefloh oder Gletschergast genannt, gehört zur Ordnung der Schnabelfliegen. Ein wahrlich treffender Name, schaut man sich das Tier aus der Nähe an. Besonders auffällig sind der schnabelartig verlängerte Kopf und die langen Hinterbeine, mit denen der Schneefloh auf der Flucht bis zu 15 cm weite Sprünge machen kann. Mit seinen zurückgebildeten Flügeln kann er nicht fliegen. Von Ende Oktober bis Anfang April sind die Tiere aktiv. Sie leben in Moospolstern von toten oder absterbenden Insekten sowie von Moosen. 

 

Kobolde mit großem Sprungvermögen 

 

Im Moos oder auf dem Erdboden sind die nur 3 bis 4 mm großen, dunkel-bronzegrün glänzenden Tiere kaum auszumachen. An windstillen Tagen kann man die winterlichen Kobolde jedoch oft scharenweise auf dem Schnee umherlaufen und -springen sehen. Auch die Paarbildung erfolgt mitten im Winter. Das Weibchen legt danach seine Eier in Gelegen zu je zehn im Boden an der Basis von Moospflänzchen ab. Ab April schlüpfen die raupenförmigen Larven, die sich im Boden von Moos und Mooswurzeln ernähren. Die Entwicklung des Winterhaftes ist zweijährig, die Larve überwintert also einmal in einer selbst gegrabenen Erdhöhle. Im September des zweiten Jahres verpuppt sie sich, wenige Wochen später schlüpft das fertige Insekt. Ebenfalls flügellos ist die zur Familie der Schnaken gehörende Schneemücke, auch Schneefliege oder Schneeschnake genannt.


Ebenfalls zu den Schneeinsekten zählt die Schneefliege.        

 

Skizzen: Erbeling

 


Keine Konkurrenz zu anderen Arten 

 

Auffällig sind Ähnlichkeiten im Körperbau zum Winterhaft: Flügelreduktion führt zu einer Verringerung des Wärmeverlustes, denn die Körperoberfläche ist verringert und der Stoffwechsel herabgesetzt. Von September bis April laufen die nur 4 mm großen, gelbbraunen, kräftig behaarten Tierchen auf der Bodenoberfläche oder auf der Schneedecke umher. Ihr Temperaturoptimum liegt bei 0 Grad C. Sogar noch bei Temperaturen bis zu -10 Grad C sind sie aktiv! 

 

Wie beim Winterhaft werden die Eier im Boden abgelegt. Die Larven ernähren sich in der Laubstreu, in Baumstubben oder unter Rinde von sich zersetzendem Pflanzenmaterial. 

 

Winteraktiv sind auch die 6 bis 7 mm großen, langbeinigen Wintermucken, die man an kalten, sonnigen Wintertagen in Schwärmen auf Waldlichtungen tanzend beobachten kann. Schneespanner und Wintereule, zwei Schmetterlingsarten, sind ebenfalls winteraktiv. Konkurrenz zu anderen Arten kann so vermieden werden. 

 

Winterlibellen im April die ersten an den Gewässern 

 

Winterlibellen überwintern an geschützten Stellen als Imagines. Sie können bis in den November an sonnigen Tagen aktiv sein, selbst wenn sie morgens noch von Raureif überzogen waren. Ab April sind sie die ersten Libellen, die an Gewässern auftauchen. Nach der Paarung sterben die Alttiere im Frühsommer ab, die neue Generation schlüpft ab August.


Winterhafte bei der Paarung im Schnee.