Schwebfliegen-als Wespen, Hummeln oder Bienen "getarnt"

Von Dr. Ludwig Erbeling

 

Auf fast jeder Blüte, besonders auf gelben und weißen, sieht man gerade im Sommer neben Käfern, Schmetterlingen, Wanzen auch viele Wespen, Hummeln und Bienen. Schaut man jedoch genauer hin, so stellt man fest, dass viele der auf den ersten Blick als Wespe, Hummel oder Biene angesprochenen Tiere gar keine sind: die deutlich kleineren Schwirr- oder Schwebfliegen ahmen wehrhafte Arten nach, können jedoch nicht stechen, sind also völlig harmlos und als Blattlausvertilger teilweise aus menschlicher Sicht ausgesprochen nützlich. An ihrem kunstvollen Flug, wie Kolibris können sie vor einer Blüte in der Luft stehen, kann man sie leicht erkennen. Wespen und Hummeln sind dagegen plumpe Brummer.

 

Hat man sich die Tiere einmal genauer angeschaut, wird man die kleineren Nachahmer kaum noch mit ihren größeren Vorbildern verwechseln. Wespen, Hummeln und Bienen gehören wie Ameisen zur Ordnung der Hautflügler: Sie besitzen vier Flügel, eine Wespentaille - so wird die starke Einschnürung zwischen Brust und Hinterleib genannt - und relativ lange Fühler. Schwebfliegen gehören dagegen mit Mücken und Fliegen zur Ordnung der Zweiflügler, besitzen also nur zwei Flügel. Außerdem fehlt ihnen die Wespentaille und ihre Fühler sind nur kurz.


Wespen (oben) und Schwebfliegen (unten) sehen sich auf den ersten Blick aufgrund ihrer schwarz-gelben Warnfarbe sehr ähnlich: Wespen haben vier Flügel, Schwebfliegen nur zwei, das hintere Paar ist zu kleinen flugstabilisierenden Schwingkölbchen umgewandelt. Außerdem fehlt den Schwebfliegen die Wespentaille. Ihre Fühler sind deutlich kürzer, ihre Augen deutlich größer.

 

Skizze: Dr. Erbeling

 


Was ihre Flugkünste betrifft, so brauchen Schwebfliegen selbst den Vergleich mit den besten Flugkünstlern im Reich der Insekten, den Libellen, nicht zu scheuen. Bis zu 300-mal pro Sekunde können sie mit ihren Flügeln schlagen. Da unser Auge diese Bewegungsabfolge nicht mehr auflösen kann, scheinen Schwebfliegen für uns vor den Blüten zu stehen. Im sogenannten Schwirrflug stehen sie sekundenlang still vor einer Blüte, um dann blitzartig davonzuschießen, Wie Kolibris können sie im Schwirrflug auch Pollen und Nektar aufnehmen.

Weltmeister im Fliegen

 

Ursprünglich besaßen auch die Schwebfliegen vier Flügel, von denen sich jedoch das hintere Flügelpaar im Laufe der Evolution zu sogenannten Schwingkölbchen (Halteren) umgebildet hat. In gleicher Frequenz allerdings in entgegengesetzter Richtung wie die Vorderflügel schwingend, stabilisieren die Schwingkölbchen den Flug der Schwebfliegen und ermöglichen ihnen ihre gewandten Flugmanöver. Tarnung schützt!

 

Als Mimikry bezeichnet man das Phänomen, dass völlig harmlose, wehrlose Arten im Aussehen wehrhaften oder durch schlechten Geschmack geschützten Tieren ähnlich sehen und dadurch geschützt sind. Wespen- oder Bienenähnlichkeit bietet gegenüber Fressfeinden wie Vögeln, Kröten oder räuberisch lebenden Insekten einen gewissen Schutz, wenn diese mit den wehrhaften Vorbildern Erfahrungen gemacht haben. Speziell Wespen und Hornissen mit ihren schwarz-gelben Warnfarben haben eine Vielzahl von Nachahmern unter Käfern (Wespenböcke), Schmetterlingen (Hornissenschwärmer), Fliegen und besonders unter den Schwebfliegen gefunden.

 

Natürlich gibt es „die“  Schwebfliege nicht. Weltweit kennt man über 5000 Arten die sich in Farbe, Form und Aussehen unterscheiden. Im Raum Hagen wurden in einer Untersuchung allein 167 Arten nachgewiesen, ähnlich hoch dürfte die Artenzahl bei uns im Plettenberger Raum sein.

Grob kann man Schwebfliegen aufgrund der Lebensweise ihrer Larven in drei Gruppen einteilen:

 

Die Larven der Wespennachahmer sind als Blattlausvertilger ausgesprochene Nützlinge. Die Weibchen legen ihre Eier direkt in der Nähe von Blattlauskolonien ab. Insgesamt kann ein einzelnes Weibchen bis zu 1000 Eier legen. Daher nennt man Schwebfliegen auch Gärtnerfliegen. Die augenlosen Larven fressen in ihrer 8-10 tägigen Entwicklung bis zu 700 Blattläuse, die sie durch Berührung und vermutlich Geruch finden. Auf dem Speiseplan stehen aber auch andere Insektenlarven sowie Artgenossen. Die Schwebfliegenlarve bohrt die Spitze ihrer Mundhaken tief in die Blattlaus ein, hebt sie hoch und saugt sie aus. Kämen alle Nachkommen eines einzigen Weibchens durch, so würden diese in einem Jahr etwa zwei Millionen Blattläuse vernichten!

 

In den Nestern von Hummeln und Wespen leben die Larven der Hummelnachahmer. Sie fressen vermutlich Abfall, gelegentlich jedoch auch parasitisch die Larven ihres Wirts.

 

Die Larven der Bienennachahmer ernähren sich von Schlamm und verwesenden organischen Stoffen. Man findet sie in abgestorbenem Holz, in schlammigen Pfützen und selbst in Jauchegruben. Die bei uns häufige Mistbiene bewohnt sogar die früher weit verbreiteten Aborte ohne Wasserspülung...

Schnorcheln in der Jauche

 

Das Hinterende der 20 mm langen, weichen, hellgrauen Rattenschwanzlarven der Mistbiene ist zu einer Atemröhre ausgezogen, die aus drei ineinander liegenden Rohren besteht. Teleskopartig können sie in Anpassung an den jeweiligen Wasserstand bis zu 10 cm Länge auseinander geschoben werden. Eine ständige Versorgung mit Sauerstoff ist so durch diesen Schnorchel gewährleistet. Ein Kopf fehlt den Larven, Mundwerkzeuge und Schlund sind zu einem komplizierten Filterapparat umgestaltet.

 


Die Rattenschwanzlarve der Mistbiene ist etwa 2cm groß, kann ihr Atemrohr nach U-Boot-Manier jedoch bis zu 10 cm weit ausfahren. So ist selbst in Jauchegruben eine Sauerstoffversorgung gewährleistet. Ein Kopf fehlt den Larven, Mundwerkzeuge und Schlund sind zu einem komplizierten Filterapparat umgewandelt.

 

Skizze: Dr. Erbeling


Die ausgewachsenen Schwebfliegen fressen Pollen, Nektar und den Honigtau der Blattläuse. Im Herbst findet man sie - und nicht nur Wespen - auch an faulendem Obst. Schwebfliegen bevorzugen besonders gelbe und weiße Blüten und sind vor allem auf Doldengewächsen häufig an zutreffen. Nicht zuletzt erwähnenswert ist die wichtige Rolle, die sie bei der Bestäubung von Blüten spielen: „Gärtnerfliege“.


Schwebfliegenlarven haben unterschiedliche Lebensweisen. Viele leben räuberisch von Blattläusen. Die Larve schlägt ihre Mundhaken in die Blattlaus, reißt sie hoch und saugt sie aus. Bis zu 100 Blattläuse pro Tag schafft eine Larve.

 

Skizze: Dr. Erbeling

 


Mistbiene (Eristalis tenax)


Weltweit sind etwa 6000 Schwebfliegenarten beschrieben, davon 1800 für die Paläarktis. (Quelle Wikipedia)


Schwebfliegenlarve. Die einzelnen Arten sehen höchst unterschiedlich aus.


Schwebfliegenlarven, verschiedene Entwicklungsstadien.