Schmetterlingen ein breites Blütenangebot bieten

Von Dr. Ludwig Erbeling

 

Das Tagpfauenauge ist vielleicht der bekannteste Schmetterling unserer heimischen Tierwelt. Seinen Namen verdankt es den vier großen „Pfauenaugen" auf den rotbraunen Flügeln, deren Spannweite etwa sechs Zentimeter beträgt. Im Gegensatz zu den durch Dornen bewehrten Raupen werden die Puppen gerne von Meisen verzehrt. Von den Meeresküsten bis in Höhe von 2500 Metern ist das Tagpfauenauge von Westeuropa bis Japan verbreitet. In Europa ist es bis 60 Grad nördlicher Breite zu finden, in Nordafrika fehlt es.

 

Ab Anfang März gehört das Tagpfauenauge - neben dem Zitronenfalter, der eigentlich immer schon Ende Februar erscheint und lediglich in diesem Jahr aufgrund der kühlen Witterung etwas Verspätung hatte (Anm.: 1997), und Kleinem Fuchs - zu den ersten Frühlingsboten der Insektenwelt. Falter, die überwintert haben, können von März bis Mai auf Blüten beobachtet werden. Im Mai erfolgt die Eiablage, bald darauf sterben die Schmetterlinge der Vorjahresgeneration ab.


Das Tagpfauenauge ist vielleicht der bekannteste Schmetterling unserer heimischen Tierwelt.

 

Foto: Wolfgang Kairat


Nach zwei Wochen schlüpfen die Raupen

 

Aus den gruppenweise auf der wettergeschützten Blattunterseite von Brennnesseln und auch Hopfen abgelegten Eiern schlüpfen bereits nach etwa zwei Wochen winzig kleine Räupchen. Sie beginnen sofort zu fressen und wachsen schnell. Dabei wird ihnen ihre dünne Raupenhaut mehrmals zu eng und platzt auf. Das gesamte Wachstum von Insekten findet übrigens im Larvenstadium statt. Ein kleiner Käfer oder ein kleiner Schmetterling kann also nicht wachsen: er ist klein, weil seine Larve wenig Futter bekam. Der meist sehr harte Panzer aus Chitin steht dein Wachstum der ausgewachsenen Insekten im Wege. Bis zur letzten Häutung leben die Raupen des Tagpfauenauges gemeinsam in einem Gespinst. Erst dann vereinzeln sie sich. An ihrer charakteristischen schwarzen Färbung mit kleinen weißen Flecken sind sie leicht zu erkennen. Lange schwarze Dornen schützen den Körper - Meisen meiden sie daher als Futter.


Hellbraun bis gelblich gefärbt ist die sogenannte "Stürzpuppe". Im Gegensatz zu den durch Dornen bewehrten Raupen werden die Puppen ausgesprochen gerne von Meisen verzehrt.


Die Raupe des Tagpfauenauges ist schwarz mit kleinen weißen Punkten, nur die Bauchbeine sind bräunlich gefärbt. Zur Verpuppung hängt die Raupe mit dem Kopf nach unten an einem Blattstiel.


Puppenstadium ist kein Ruhestadium

 

Fälschlicherweise wird das zwei bis drei Wochen dauernde Puppenstadium als Ruhestadium bezeichnet, doch in diesen Tagen vollzieht sich gerade die atemberaubende Verwandlung von der Raupe, dem Entwicklungsstadium, zum Schmetterling, dem Fortpflanzungsstadium.

 

Ab Ende Juni können die frisch geschlüpften Falter auf Blüten beobachtet werden. Beim Ausbreiten der Flügel sieht man die vier Augenflecke. Sie schrecken Insekten fressende Vögel ab, dienen also als Schrecktracht". Untersuchungen haben gezeigt, dass Vögel sie mit Augen von Katzen oder Raubvögeln verwechseln.

 

Die Falter überwintern auf Dachböden, in Kellerräumen, in hohlen Bäumen oder Höhlen. Im Winter sollte man sie nicht stören, ihnen im Frühjahr aber die Möglichkeit geben, das Haus wieder zu verlassen, in dem man Boden- oder Kellerfenster öffnet. Mit neun Monaten erreicht das Tagpfauenauge damit ein für Insekten fast ,,biblisches" Alter.

 

Wer sich an Schmetterlingen erfreuen möchte, sollte ihnen im Garten ein breites Blütenangebot durch zu unterschiedlichen Jahreszeiten blühende heimische Kräuter, Stauden und Sträucher bieten. Noch wichtiger ist es allerdings, die Hauptfutterpflanze des Tagpfauenauges im Garten zu dulden: Brennnesseln sind nur aus menschlicher Sicht ein ,,Unkraut“ - für viele heimische Schmetterlingsarten wie Tagpfauenauge, Kleiner Fuch

Admiral, Messingeule oder Landkärtchen sind sie die wichtigste Fraßpflanze.

 

Zum Vogel des Jahres 1997 wurde der Buntspecht gewählt. Nicht etwa weil er gefährdet ist, sondern weil sein Lebensraum in Gefahr ist: Alte, natürliche Laubwälder mit stehenden toten Bäumen, in denen Spechte Nahrung und Brutmöglichkeit finden. In ähnlicher Weise könnte man das Tagpfauenauge als Symbol für natürliche Gärten mit vielen blühenden Pflanzen und mit Brennnesseln auswählen: in krassem Gegensatz zum pflegeleichten, aufgeräumten Garten mit kurz gehaltenem Rasen und vielen Nadelgehölzen.

 

Natur ist Unordnung! Vergleichende wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass an Nadelgehölzen fast keinerlei Insekten leben. An einem Brennnesselsaum konnten dagegen bis zu 100 Insektenarten nachgewiesen werden: verschiedene Schmetterlinge, Käfer, Wanzen, Bienen, Hummeln, Schlupfwespen, Fliegen, Ameisen, um nur einige zu nennen.